12.09.2013

„Gute Inhalte sind nicht im Akkord produzierbar“

Jens Ihlenfeld vom IT-Portal Golem.de über den Aufbau eines Internet-Mediums und die Frage, wie sich ordentliche Inhalte im Internet refinanzieren lassen.

torial: Herr Ihlenfeld, Golem.de gibt es jetzt seit 1997, eine erstaunlich lange Zeit für ein reines Internet-Medium in Deutschland. Die Seite startete einst als Schülerprojekt, oder?

Jens Ihlenfeld: Nein, nicht ganz – die meisten, die irgendwie daran beteiligt waren, waren damals Studenten. Ich machte gerade mein Abitur. Das „Golem Magazin“, wie wir es damals nannten, startete eher als Hobbyprojekt mit viel Leidenschaft für das Thema. Dass daraus ein Unternehmen entstehen würde, war damals gar nicht geplant.

 

Ein Hobbyprojekt. Ein Schülerprojekt. Ein Studentenprojekt.

 

torial: Wann wurde Ihnen und Ihren Mitgründern klar, dass aus Golem.de eine richtige Firma werden könnte?

Ihlenfeld: Nachdem es längst eine war. Wir haben 1998 ein Büro angemietet, zur Untermiete bei unserem damaligen Provider, der selbst Untermieter im Lager eines Computergroßhändlers in Berlin war. Das hatte den großen Vorteil, dass wir die Standleitung des Providers, zwei gebündelte ISDN-Kanäle mit zusammen 128 Kilobit pro Sekunde, mitnutzen konnten. Das war dann samt Miete billiger, als von daheim online zu gehen. Denn damals gab es noch keine Flatrates. Wirklich bewusst als eigenes Unternehmen haben wir uns aber erst wahrgenommen, als wir uns selbst auch einen kleinen Lohn auszahlen konnten.

torial: Golem.de wurde zwischenzeitlich gleich mehrfach verkauft. Zuerst ging es an die Mutterfirma der Netzeitung, die dann von MDS geschluckt wurde, nur um sie einzustellen; Sie landeten dann bei der Verlagsgruppe Holtzbrinck. Die hat Ihre Firma dann schließlich an Computec verkauft. War das eine anstrengende Zeit?

Ihlenfeld: Ich würde es eher interessant als anstrengend nennen. Wir haben viel gelernt, nicht nur bei den Verkäufen, auch in der Zusammenarbeit mit den sehr unterschiedlichen Gesellschaftern. Vor allem die Zeit bei der Verlagsgruppe Holtzbrinck haben wir als sehr bereichernd empfunden.

torial: Christian Klass, Ihr Mitgründer und bisheriger Chefredakteur, hat Golem.de gerade aus persönlichen Gründen verlassen. Ist das auch ein Zeichen dafür, dass aus der Seite ein „ganz normales“ Business geworden ist.

 

Golem.de ist kein normales Business, es funktioniert anders als klassische Redaktionen

 

Ihlenfeld: Nein, ein ganz normales Geschäft ist Golem.de auch heute nicht und es funktioniert durchaus anders, als man es von vielen klassischen Redaktionen her kennt. Auch wenn Christian Golem.de jetzt verlassen hat, so steht hinter Golem.de heute doch ein gewachsenes Team, das unsere Leidenschaft und unsere Vorstellungen teilt. Einige sind schon mehr als 10 Jahre dabei und haben Golem.de so sehr geprägt wie wir als Gründer.

torial: Wie haben Sie es geschafft, in all den Jahren trotz der Eigentümerwechsel die redaktionelle Unabhängigkeit zu bewahren?

Ihlenfeld: Unsere Unabhängigkeit ist einer der wesentlichen Faktoren für den Erfolg von Golem.de. Und das haben auch alle unsere Gesellschafter verstanden. Manchmal gehört auch ein gewisses Maß an Beharrlichkeit dazu.

torial: Wie lange trägt sich Golem.de bereits? Reine Internet-Medien, die Geld verdienen, kann man ja heute noch an zwei Händen abzählen, zumindest ist das die Aussage aus den großen Verlagshäusern.

 

Golem.de trägt sich selbst – mit 25 Mitarbeitern

 

Ihlenfeld: Golem.de trägt sich seit dem ersten Tag selbst, anfangs durch Selbstausbeutung, später durch bedachtes Haushalten. Dabei haben wir uns immer langfristig orientiert. Heute arbeiten über 25 Menschen an Golem.de, die meisten haben eine feste Vollzeitanstellung.

torial: Kann ein Medium wie das Ihre werbefinanziert überleben? Oder klappt das auch deshalb, weil Sie mit dem IT-Bereich in einer Nische werkeln?

Ihlenfeld: Golem.de profitiert davon, dass wir sehr früh und in der richtigen Nische angefangen haben. So konnten wir uns über die Jahre eine gewisse Bekanntheit und einen guten Ruf erarbeiten. So gehört die Homepage von Golem.de zu den meistfrequentierten in unserem Bereich.

torial: Sie hatten kürzlich eine intensive Debatte zum Thema Werbeblocker mit Ihren Lesern. Was kam dabei heraus? Dass Paid-Content doch interessant sein könnte?

Ihlenfeld: Unter anderem. Zunächst einmal bekamen wir mehr Zuspruch zu unserem Weg, als wir bei einer solchen Diskussion erwartet hatten. Wir haben klar dargelegt, was wir für akzeptable Werbung halten und was nicht. Dabei haben wir keine neuen Regeln eingeführt, sondern unseren Leser erklärt, was wir unserem Vermarkter seit Jahren mit auf den Weg geben. Unter dem Strich ging die Adblock-Rate deutlich zurück.

 

Die Adblocker-Debatte war wichtig

 

Es wurde aber auch deutlich, dass ein Teil der Leser Werbung gar nicht oder nur in einer Form akzeptiert, die für Werbekunden nicht interessant ist. Manche stören sich auch nur am Tracking und versuchen, ihre Privatsphäre zu schützen. Viele davon haben aber deutlich gemacht, dass sie Golem.de gern unterstützen würden und lieber direkt bezahlen würden, als Werbung zu akzeptieren. Wir arbeiten gerade daran, diese Option zu schaffen und sind gespannt, wie viele das dann auch wirklich tun.

torial: Sie haben kürzlich ein Experiment begonnen, bei dem externe Autoren bei Golem.de veröffentlichen können und dafür indirekt Anteile an den Werbeeinnahmen erhalten. Für traditionelle Journalisten ist das ein großes No-No. Wie läuft das Experiment bislang?

Ihlenfeld: Zunächst einmal beteiligen wir die Autoren nicht an den Werbeeinnahmen, sondern vergüten sie nach dem Erfolg ihrer Artikel. Das ist ein wichtiger Unterschied, denn das Honorar hängt nicht davon ab, ob und wenn ja welche Werbung auf einem Artikel erscheint. Dieses Risiko tragen wir. Die Autoren sollen sich darauf konzentrieren können, tolle Stücke zu verfassen und dabei an die Leser denken, nicht an die Werbekunden. Blogger nehmen dieses Modell sehr offen an, Journalisten tun sich bislang schwer. Die erfolgreichsten Artikel kommen aber von Journalisten oder Personen, die lange als Journalist tätig waren.

 

Das Experiment mit externen Autoren, die nach Erfolg honoriert werden 

 

Es geht uns nicht darum, möglichst billig an Inhalte zu gelangen, sondern unternehmerisch denkenden freien Autoren die Plattform Golem.de zur Verfügung zu stellen. Wir verstehen uns dabei als Dienstleister für die Autoren, denen wir Reichweite, Vermarktung, Community-Management und das Redigieren sowie Lektorieren als Dienstleistung zur Verfügung stellen. Und als Dienstleister in diesem Sinn werden wir nur langfristig erfolgreich sein, wenn wir unseren Autoren einen Mehrwert bieten im Vergleich zu Pauschal- oder Zeilenhonoraren auf der einen Seite und dem selbstvermarkteten Blog auf der anderen Seite.

 

Ein Mindesthonorar wird jedoch garantiert

 

Dabei laden wir nicht das gesamte Risiko bei den Autoren ab, im Gegenteil: Wir garantieren ein Mindesthonorar, das wir unabhängig vom Erfolg bezahlen und stecken mitunter sehr viel Arbeit in die Artikel. Und obwohl es uns dabei um exklusive Inhalte geht, nehmen wir zunächst einmal auch Zweitverwertungen an, damit potenzielle Autoren mit minimalem Risiko testen können, ob wir für sie als Dienstleister in Frage kommen. Und bislang war das erfolgsbasierte Honorar bei jedem Artikel höher als das garantierte Mindesthonorar.

torial: Hat es tatsächlich Zukunft, wenn Autoren nicht wissen, was sie mit ihren Texten verdienen? Die Preise stehen ja schon seit Jahren unter Druck.

Ihlenfeld: Genau deshalb machen wir dieses Experiment. Gute Inhalte kosten Geld und sind nicht mal eben nebenbei erstellt oder im Akkord produzierbar. Doch genau dieses Modell ist gerade bei vielen Onlinemedien sehr angesagt: Möglichst viel ohne Anspruch auf Qualität, denn es reicht ja, wenn ein Nutzer über Google den Artikel anklickt. Findet er dabei nicht, was er sucht, klickt er vielleicht auf eine Anzeige. Dabei entsteht jede Menge Schund. Uns geht es aber ausdrücklich um Klasse statt Masse. Die meisten Inhalte, die uns angeboten wurden, mussten wir leider ablehnen, da sie nicht unseren Qualitätsanspruch entsprachen, ganz unabhängig davon, welche Honorarvorstellungen ein Autor hatte. Es geht uns um Inhalte, die es Wert sind, gelesen zu werden.

 

Neuer Chefredakteur gesucht

 

torial: Wie geht es weiter mit Golem.de? Sie suchen aktuell einen neuen Chefredakteur – wird der als „Externer“ die bisherige Kultur verstehen? Oder suchen Sie im Unternehmen?

Ihlenfeld: Wir sprechen derzeit mit einigen externen Kandidaten, denn wir wollen ganz bewusst auch neue Impulse ins Unternehmen holen, schließlich soll sich Golem.de auch künftig weiterentwickeln. Die Frage, ob die externen Kandidaten die Kultur von Golem.de verstehen, ist dabei eine ganz entscheidende.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Ideen, Chancen, Risiken, JOURNALISMUS & NETZ

1 Kommentare zu diesem Artikel


  1. Herzlichen Dank für den langen Artikel. Dass ihre Leser Werbung nicht akzeptieren wundert mich sehr; das Auge hat sich doch schon seit Facebook Massentreffpunkt ist an die kleinen Werbeblöcke gewöhnt. Was ich nicht vestehe, warum Medien, die unabhängig bleiben möchten, nicht paralell mit ihrer Reichweite Geld verdienen. Der Erfolg der Zeitungen ist doch auch den Stellenangeboten zu verdanken, die völlig unabhängig von den Inhalten der Zeitung geschalten wurden (werden). Warum investieren Medien nicht in diese Bereiche (Stellenangebote, Automarkt usw.)?

    Viele Grüße
    Elke Greim
    Unternehmerin/Arbeitgeberin