08.10.2019

Journalismus&Netz im September: Journalisten als Marke, Paid-Content-Boom, Bundestags-Gedächtnis

Im September wurde viel über das journalistische Berufsbild diskutiert und über den Paid-Content-Boom geschrieben. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk erreicht kaum junge Leute und die Zeit hat alle Bundestags-Protokolle in einer durchsuchbaren Datenbank gesammelt.

Berufsbild: Müssen Journalisten zur eigenen Marke werden?

Schon mehrmals habe ich an dieser Stelle Beiträge aus der Serie „Mein Blick auf den Journalismus“ des Journalist-Magazins verlinkt, so auch dieses Mal. Digitaljournalist Richard Gutjahr konstatiert in seinem Artikel „Game of Phones“, dass die Menschen immer weniger lesen und statt dessen immer mehr Videos konsumieren – und das vor allem auf dem Smartphone. Damit Journalisten da überhaupt noch ihren Platz finden und die Aufmerksamkeit der Nutzer gewinnen können, müssten sie stärker als bisher zur Marke werden. Zum Beispiel, indem sie ihrem Publikum persönliche Erfahrungen anbieten, die analog, endlich, vor allem aber nicht digital replizierbar sind. Gutjahrs „Marken-These“ wird in der Diskussion zu dem Artikel auf piqd übrigens sehr kritisch gesehen.

Was Journalisten heute drauf haben müssen

Etwas konkreter mit dem journalistischen Berufsbild im Digitalzeitalter beschäftigt sich ARD-Digitalexperte Dennis Horn. In einem Interview mit dem Fachjournalist schildert er anschaulich und gut nachvollziehbar, was man als Onlinejournalist heute drauf haben sollte. Besonders betont er technisches Verständnis und fast noch wichtiger die Ausrichtung der journalistischen Angebote auf die Zielgruppe. Ein Thema muss für Facebook, Twitter, YouTube oder Instagram also ganz anders aufbereitet werden als auf der eigenen Website.

Horn empfiehlt Journalisten auch die direkte Auseinandersetzung mit dem Publikum, die die Journalisten am Ende besser mache. Das Interview beleuchtet aber auch Trends in der Medienwirtschaft und der Plattformökonomie (sprich: Müssen Netzwerke wie Facebook stärker reguliert werden?), insofern ist es ein lesenswerter Überblick über den Stand der Dinge (und ein bisschen auch der Zukunft) im digitalen Journalismus.

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk erreicht mit Online-Angeboten kaum junge Leute

Allerdings gibt es in Horns eigenem Haus, der ARD, offenbar noch Nachholbedarf in der Frage, wie man neue Zielgruppen erreicht (ich selbst arbeite unter anderem für BR24). Eine Studie des Reuters-Instituts kommt zu dem Ergebnis, dass öffentlich-rechtliche Rundfunksender in Europa vor allem ein älteres und gut gebildetes Publikum ansprechen. Auch mit ihren Online-Aktivitäten erreichen die öffentlich-rechtlichen Sender, in Deutschland ARD, ZDF und Deutschlandfunk, überwiegend die Stammkundschaft und kaum neues, jüngeres Publikum.

Besonders drastisch ist der Befund, dass der ÖRR online nur 13 Prozent der formal weniger gebildeten Menschen erreicht. Das hält Marcus Bornheim, künftiger ARD-Aktuell-Chefredakteur, für „ein erschreckendes Ergebnis. Offenbar erklären wir die Welt nicht so gut und so passgenau, dass sich Leute mit einer niedrigeren Bildung da zu Hause fühlen. Das ist eine Aufgabe, an der wir arbeiten müssen“, sagte Bornheim in einem Deutschlandfunk-Beitrag zu den Studienergebnissen.

Paid Content kommt wieder – die Journalismus-Flatrate für alle eher nicht

Wie man als Medienmarke die Bedürfnisse der Nutzer am besten anspricht, darum geht es im Meedia-Interview mit Yannick Dillinger, Noch-Digitalchef bei der Schwäbischen Zeitung, der in Kürze zur Augsburger Allgemeinen wechselt. Dillinger gibt Einblicke in den hauseigenen „Artikelscore“, das verschiedene Parameter für die Leistung eines Artikels misst. Für die Redaktion ist das besonders im Hinblick auf die Frage wichtig, mit welchen Themen und mit welcher Aufbereitung die Zeitung Nutzer dazu bringt, ein (Probe-)Abo abzuschließen. In den letzten Jahren setzen Zeitungen im Digitalen verstärkt auf Paid-Content-Angebote. Eine Übersicht über die doch sehr verschiedenen Modelle, liefert dieser Deutschlandfunk-Beitrag.

Vielen Nutzern sind auch die berühmten zehn Euro, die sie für ein Digitalabo (wie bei der Schwäbischen Zeitung) zahlen sollen, zu viel. Sie fordern statt dessen eine Journalismus-Flatrate: Zehn Euro für alle digitalen Zeitungs-Abos, ganz nach dem Vorbild von Spotify oder Neflix. Warum ein Netflix für Journalismus höchstwahrscheinlich nicht funktionieren wird, erklärt Olaf Peters-Kim, Inhaber einer Werbeagentur, in einem Gastbeitrag auf Horizont.

Dass Paid-Content auch im Kleinen funktionieren kann, beweist das Social Media Watchblog (zu dessen Abonnenten ich auch zähle). Gründer Martin Fehrensen gewährt auf Medium einen Einblick, wie das erste Jahr mit Paywall gelaufen ist. Interessant ist der Beitrag nicht nur wegen der Zahlen, sondern vor allem wegen der konkreten Tipps, die Fehrensen für potenzielle Nachahmer parat hat: Expertenwissen anbieten, in einem persönlichen Stil schreiben und einen starken Austausch mit der Community pflegen, sind drei zentrale Tipps.

Einfach Suchbegriff eingeben - und auf einen Blick sehen, wann der Bundestag wie oft darüber debattiert hat.

Einfach Suchbegriff eingeben – und auf einen Blick sehen, wann der Bundestag wie oft darüber debattiert hat.

Zeit macht das Gedächtnis des Bundestages durchsuchbar

Im September hat eines der besten, zumindest eines der aufwändigsten Datenjournalismus-Projekte das Licht der Welt erblickt: Die Zeit hat alle 4216 Plenarprotokolle des Deutschen Bundestages seit 1949 in einer Datenbank zusammengeführt und durchsuchbar gemacht. Nun kann jeder einen oder mehrere Suchbegriffe eingeben, um zu sehen, wie häufig dieser Begriff in den Reden auftaucht – und wann. Die „Homo-Ehe“ taucht erstmals Ende der Neunziger Jahre auf und hat 2017 die meisten Erwähnungen. Das Internet hatte am 14. Dezember 1994 Premiere im Bundestag, in einer Rede der SPD-Politikerin Herta Däubler-Gmelin. Toll sind auch die Auswertungen, die die Zeit bereits selbst vorgenommen hat: Prägende Themen und Länder nach Jahrzehnten zum Beispiel. Wer selber stöbern will: „Darüber spricht der Bundestag„.

Neuer First-Draft-Newsletter zu Desinformation

Zum Abschluss empfehle ich den neuen Newsletter des First-Draft-Netzwerks, der die neuesten Entwicklungen und Nachrichten rund um das Thema Desinformation weltweit bespricht. Man kann zwischen einem täglichen und einem wöchentlichen Newsletter wählen.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: JOURNALISMUS & NETZ, JOURNALISMUS & TECHNIK, NEU
  • Über Bernd Oswald

    Bernd Oswald, Jahrgang 1974, ist Autor und Trainer für digitalen Journalismus. Mich fasziniert es, wie die Digitalisierung (nicht nur) den Journalismus verändert: mehr Quellen, mehr Transparenz, mehr Interaktion, ganz neue Möglichkeiten des Geschichtenerzählens, vor allem visuell und mit Daten. Über diese Phänomene schreibe, blogge, twittere und lehre ich seit 2009.

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