01.09.2020

Journalismus&Netz im August: Facebook News expandiert, lohnender Cookie-Verzicht, Käufer für Buzzfeed Deutschland

Was es bedeutet, wenn Facebook News auch nach Deutschland kommt, warum der niederländische Rundfunk ohne Cookies höhere Anzeigeneinnahmen hat und wer Buzzfeed Deutschland übernimmt.

Facebook News kommt nach Deutschland

Am 25. August hat Facebook bekannt gegeben, dass sein News-Programm auch auf Deutschland ausgeweitet wird. Bei Facebook News handelt es sich um einen Navigationspunkt in der Facebook-App: Wer darauf klickt, bekommt Inhalte von ausgewählten Medien angezeigt. Dabei handelt es sich um eine Mischung von Inhalten, die ein Facebook-Redaktionsteam auswählt und automatisiert einfließenden Nachrichten, die sich an den Interessen des Nutzers orientieren. Wenn Nutzer einen Artikel anklicken, werden sie direkt auf das Online-Angebot der jeweiligen Medienseite weitergeleitet.

Das Social-Media-Platzhirsch versucht das Verlagen damit schmackhaft zu machen, dass sie für die Anzeige ihrer Inhalte in Facebook News Geld bekommen und zudem neue Zielgruppen erschließen könnten.

Das klingt erst mal gut und doch bleiben einige Fragen offen: Wie viel Geld gibt es genau? Nach welchen Kriterien wird es verteilt? Wer darf überhaupt mitmachen? Und nach welchen Kriterien wählt Facebook aus, welche Verlage mitmachen dürfen? In den USA ist zum Beispiel das rechtslastige Portal Breitbart dabei, das Lügen und Desinformation verbreitet. Die Aufnahme von Breitbart in Facebook News hat in den Vereinigten Staaten zu einigen Kontroversen geführt.

Facebook entscheidet, welche Angebote mehr Sichtbarkeit bekommen

Und vor allem: Warum macht Facebook das? Jörg Schieb vom WDR sieht in dem Programm einen Schachzug Facebooks, um seine Macht darüber auszuweiten, was wir zu sehen bekommen und was nicht. Mit den Algorithmen sei das ohnehin schon so, „und jetzt legt das Unternehmen auch noch fest, welche Info-Angebote auf Facebook mehr Sichtbarkeit bekommen“, schreibt Schieb.

Mit dem News-Programm will Facebook den Menschen „verlässliche Nachrichten“ bieten, wie es in der Pressemitteilung heißt. Diese Aussage muss man im Zusammenhang mit den Vorwürfen sehen, Facebook würde Hass und Hetze zu viel Platz zu bieten. In den vergangenen Monaten hat sich das Unternehmen bemüht, solche Seiten von seiner Plattform zu nehmen, etwa das „Compact“-Magazin oder Seiten, die mit der Verschwörungstheorie QAnon sympathisieren.

Verlage tracken ihre Nutzer im Netz

Auch wenn viele deutsche Medienverlage in den letzten ein, zwei Jahren ihre Paid-Content-Angebote ausgebaut haben bzw. mehr Inhalte hinter der Paywall platzieren, spielen Werbeeinnahmen weiterhin eine große Rolle bei der Finanzierung. Kern des Geschäftsmodells ist, die Werbeplätze auf der eigenen Website bzw. in der App in Echtzeit zu versteigern – und zwar anhand der Interessen der NutzerInnen.

Um diese zu erfahren, setzen Verlage massiv Cookies ein (bild.de zum Beispiel mehr als 150), nicht nur eigene, sondern vor allem Cookies von Drittanbietern wie den Werbenetzwerken von Google, Outbrain oder Taboola. Diese Third Party Cookies zeichnen auch auf, auf welchen Seiten sich der Nutzer sonst so bewegt – durch dieses Tracking entstehen persönliche Nutzerprofile, wie Thorsten Kleinz auf Übermedien anschaulich erklärt.

Von den Erlösen, die die Verlage für die Anzeige von Werbung auf ihren Websiten bekommen, zwacken sich die Werbenetzwerke einen Teil ab, im Fall des Google Ad Networks sind es etwa 30 Prozent.

Höhere Werbeeinnahmen ganz ohne Cookies

Dass man auch ohne Cookies, Tracking und Targeting Geld mit Anzeigen verdienen kann, beweist NPO, der öffentlich-rechtliche Rundfunk der Niederlande. Seit diesem Jahr setzt man dort komplett auf so genannte kontextuelle Anzeigen. Werbetreibende bieten dafür, dass ihre Anzeigen in bestimmten Sendungen, etwa bei „Bauer sucht Frau“ (ja, das gibt’s auch in den Niederlanden…) oder bei bestimmten Themen wie Sport, Liebe, Religion oder Politik angezeigt werden.

Seit NPO nur noch kontextuelle Anzeigen anbietet, sind die Werbeinnahmen sogar deutlich gestiegen, was auch damit zusammenhängt, dass NPO nichts mehr an Ad Tech-Firmen wie Google oder Facebook abtreten muss. Wie das Modell (auch technisch) genau funktioniert und warum es gerade im Journalismus Sinn macht, steht in dem sehr lesenswerten Wired-Artikel „Can Killing Cookies Save Journalism?

Smartphones sind wahre Datenschleudern

Auch die Süddeutsche Zeitung hat sich in den vergangenen Wochen in einer Artikel-Reihe mit dem Thema Datenschutz befasst. Anhand eines speziell präparierten Smartphones zeigte die SZ, wie viele sensible Daten bei der Smartphone-Nutzung anfallen, wie und an wen Apps und Websites diese persönlichen Daten weitergeben, ohne dass die Nutzer wissen, was genau damit passiert.

Die Beiträge dazu sind auf einer Landing Page zum Projekt „Datenjagd“ versammelt, auf der immerhin auch der Hinweis steht, dass auch die SZ selbst Cookies und Tracking-Tools einsetzt, mithin also auch zu den fleißigen Datensammlern gehört. Interessant ist auch der Werkstattbericht, in dem zwei SZ-Journalisten erzählen, wie sie „Datenjagd“ konzipiert haben: von der Einrichtung des Smartphones der Testperson über die Auswertung der Daten bis hin zur multimedialen Aufbereitung der Ergebnisse.

Ippen Digital übernimmt Buzzfeed Deutschland

Im Mai hatten wir hier berichtet, dass Buzzfeed Deutschland zum Verkauf steht. Nun hat sich ein Käufer gefunden: Das Portal, das auf eine Mischung aus Unterhaltung und investigative Recherche setzt, wechselt unter das Dach von Ippen Digital. Dieses Redaktionsnetzwerk mit mehr als 80 Web-Portalen in Deutschland, gehört zum Imperium des Verlegers Dirk Ippen, der unter anderem den Münchner Merkur und die Frankfurter Rundschau herausgibt. Die SZ schildert, warum Ippen Digital zugegriffen hat und was man sich von der Übernahme verspricht.

Recherche-Plattform Addendum wird eingestellt

Keine Zukunft hat hingegen das österreichische Recherche-Portal Addendum. 2017 war das von Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz finanzierte Angebot an den Start gegangen, um grundlegende Themen wie zum Beispiel den Klimawandel im Rahmen von mehreren Artikel aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Dabei ging die Redaktion von einem traditionell-konservativen Blickpunkt an die Themen heran.

Die Pressemitteilung zur Addendum-Einstellung ist dürr geraten, es heißt lediglich, dass es „trotz erheblichen Mitteleinsatzes und einer Reihe erfolgreicher und relevanter Rechercheprojekte“ nicht gelungen sei, „die Zielsetzungen der Stiftung in ausreichendem Maß zu erfüllen“. Hauptziel war es, „das demokratische Staatswesen durch staatsbürgerliche Bildung zu fördern“.

Was Mäzen Mateschitz bewogen hat, Addendum den Saft abzudrehen, darüber kann nur spekuliert werden. Ralf Leonhard schreibt in der taz: „In jedem Fall zeigt die Sache, dass Journalismus, wenn er auf das Mäzenatentum Einzelner aufbaut, ein kurzes Vergnügen sein kann.“

Wie man sich einen Sockenpuppen-Account einrichtet

Zum Abschluss gibt es noch einen handwerklichen Tipp. Bei Recherchen zu sensiblen oder kontroversen Themen kann es für JournalistInnen auch aus Gründen des Eigenschutzes sinnvoll sein, nicht unter dem richtigen Namen aufzutreten. Auf osintcurious gibt es praktische Tipps, wie man sich für Recherchen in sozialen Netzwerken einen Sockenpuppen- bzw. Fake-Account anlegt und was man dabei beachten sollte.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Dynamik am Markt, JOURNALISMUS & NETZ, JOURNALISMUS & TECHNIK, Neue Formate
  • Über Bernd Oswald

    Bernd Oswald, Jahrgang 1974, ist Autor und Trainer für digitalen Journalismus. Mich fasziniert es, wie die Digitalisierung (nicht nur) den Journalismus verändert: mehr Quellen, mehr Transparenz, mehr Interaktion, ganz neue Möglichkeiten des Geschichtenerzählens, vor allem visuell und mit Daten. Über diese Phänomene schreibe, blogge, twittere und lehre ich seit 2009.

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