08.09.2021

Journalismus & Netz #22 | Desinformation im Wahlkampf, BILD-TV startet, Apple durchsucht iPhones (noch nicht)

Desinformation findet man nicht nur in Social Media – auch klassische Medien sind Teil des Problems. Die ZEIT ist in diesem Fall aber ausdrücklich nicht mitgemeint. (Foto von Roman Kraft auf Unsplash)

Wie klassische Medien Lügen und Gerüchte verbreiten

Wenn das Stichwort Desinformation fällt, zeigen Verlage gern mit dem Finger auf Facebook und andere Plattformen. Lügen und Gerüchte seien vor allem ein Problem von Social Media, wo Menschen alles schreiben könnten, was sie wollen, und es keine journalistischen Standards gebe.

Doch schon 2019 überschrieb die New York Times eine Kolumne von Farhad Manjoo mit der einprägsamen Zeile: „Worry About Facebook. Rip Your Hair Out in Screaming Terror About Fox News.“ Nun könnte man sagen: Ach, die USA, dort ist die Medienlandschaft ja eine ganz andere. Zum Glück haben wir in Deutschland kein Fox News, sondern Redaktionen, die gewissenhaft arbeiten und wichtig für unsere demokratische Gesellschaft sind.

In vielen Fällen trifft das auch zu – aber längst nicht in allen. Die Kampagnen-Plattform Avaaz hat untersucht, gegen wen sich Desinformation im Vorfeld der Bundestagswahl richtet und welche Rolle klassische und soziale Medien dabei spielen. Der Bericht „Deutschlands Desinformations-Dilemma 2021“ zeigt, dass es viel zu einfach wäre, die Verantwortung für die Verbreitung von Fehlinformationen nur bei Facebook, Twitter und YouTube zu suchen. Tatsächlich tragen die ach so seriösen deutschen Medien mindestens genau so viel dazu bei.

Für die Studie hat Avaaz unter anderem eine repräsentative Befragung bei YouGov in Auftrag gegeben. Demnach sagen die meisten Menschen, dass sie Falschnachrichten über Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock im Fernsehen (22 %) oder in Print- und Online-Medien (18 %) gesehen hätten. Erst danach folgen Facebook, Twitter, Instagram, YouTube, WhatsApp und Telegram (in dieser Reihenfolge). „Desinformation hat auch in Deutschland das Mainstream-Publikum erreicht“, sagt Christoph Schott, Kampagnendirektor bei Avaaz. „Die Bundesrepublik läuft Gefahr, in die Fußstapfen der USA zu treten, wo Trumps Tweets – ob wahr oder falsch – von den Mainstream-Medien weit verbreitet wurden.“

In der Umfrage wird konkret nach Baerbock gefragt, weil sie die deutsche Politikerin ist, die mit Abstand am häufigsten zur Zielscheibe von Lügen und Gerüchten wird. Ein Viertel der Falschnachrichten betrifft die Grünen-Politikerin. Obwohl sie erst im April ihre Kandidatur bekannt gab und damit noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zog, liegt sie deutlich vor Angela Merkel, Armin Laschet, Markus Söder und Karl Lauterbach.

Die Grundlage für den Bericht bilden die Faktenchecks von AFP, dpa und Correctiv, die auch für Facebook Fakten prüfen. Das Team von Avaaz hat insgesamt mehr als 800 Fact-Checks ausgewertet, von denen sich aber nur 85 auf Politikerïnnen beziehen. Deshalb sollte man die Ergebnisse nicht überbewerten.

Trotzdem ist die Tendenz so klar, dass man wohl problemlos konstatieren kann: Über Baerbock sind besonders viele Falschbehauptungen im Umlauf. Eine eindeutige Aussage ist auch mit Blick auf die Parteien möglich: Fehlinformationen betreffen vor allem Politikerïnnen von Grünen (46 %), CDU/CSU (32 %) und SPD (19 %). Linke, FDP und AfD sind kaum vertreten.

An mehreren Beispielen wird deutlich, wie Falschbehauptungen aus sozialen Medien in klassische Medien überschwappen und damit ein viel größeres Publikum erreichen. Da wäre etwa die Behauptung, dass Baerbock Haustiere verbieten wolle. Das ist frei erfunden, dahinter steckt die Facebook-Seite „Ich misstraue der Regierung!“. Trotzdem verbreitete sich die Lüge im April – mit tatkräftiger Unterstützung von seriösen Medien, die es eigentlich besser wissen sollten.

So überschrieben die Stuttgarter Nachrichten ihren Text mit einer Frage: „Fordert die Kanzlerkandidatin wirklich ein Haustierverbot?“ Der Westen titelte auf ähnlich fragwürdige Art und Weise: „Annalena Baerbock: Hasst sie wirklich Hunde? Zitat macht die Runde – das steckt wirklich dahinter“. Beide Überschriften haben eines gemeinsam: Sie machen nicht deutlich, dass es sich um ein erfundenes Zitat handelt. Auch die Facebook-Posts lösten die Lüge nicht auf, sondern wollten offenbar mit der Kontroverse Klicks schinden. Entsprechend wütend fällt ein Teil der Kommentare aus, die Menschen unter den Postings hinterlassen.

Das unterstreicht, wie wichtig es ist, bei Faktenchecks möglichst schon in der Überschrift deutlich zu machen, wie es um den Wahrheitsgehalt der Behauptung bestellt ist. Viele Leserïnnen nehmen nur die Überschrift wahr. Bei ihnen bleibt dann hängen: Was, Baerbock will Haustiere verbieten? So eine Sauerei!

Selbst bei einer eindeutigen Überschrift besteht aber die Gefahr, dass bei einem Teil der Rezipientïnnen ein falscher Eindruck entsteht. Tage oder Wochen später erinnern sie sich nur noch dunkel: Baerbock und Haustiere, war da nicht irgendwas mit einem Verbot? Dann erreicht der gut gemeinte Faktencheck das Gegenteil. Deshalb sollten Medien immer abwägen, ob sie Gerüchte, die irgendwo in sozialen Medien kursieren, nicht besser ignorieren. Sonst riskieren sie, dem Unsinn ungewollt eine Bühne zu verschaffen.

Gerade für große Medien sollte die Schwelle also recht hoch liegen – ein wirrer Facebook-Post mit ein paar hundert Likes, so wie in diesem Fall, rechtfertigt definitiv noch kein Debunking. Christoph Schott von Avaaz drückt es so aus. „Wir müssen uns jetzt alle fragen: Spielen wir geraden den Verbreitern von Falschnachrichten in die Hände, indem wir ihnen helfen, ihre Lügen aus Facebook-Gruppen und Telegram-Chats auf die Fernsehbildschirme und Handydisplays von Millionen von deutschen Wählerïnnen zu bringen?“

Avaaz beschäftigt sich mit der Verantwortung klassischer Medien. Das bedeutet aber nicht, dass Facebook besonders gut wegkommt. Nach wie vor gelingt es der Plattform nicht, zuverlässig Falschnachrichten zu erkennen und zu kennzeichnen – selbst wenn diese bereits von den eigenen Factchecking-Partnern entlarvt wurden. Es reichen bereits minimale Veränderungen an Text oder Bild, etwa ein geringfügig anderer Zuschnitt, um Facebooks angeblich ach so intelligente Systeme zu überlisten. Dann rutscht der neue Post durch den Filter und wird nicht als Falschbehauptung markiert.

Im Mai erklärte Facebooks PR-Chef Nick Clegg, die Bundestagswahl habe „höchste Priorität“ (FAZ). Man werde große Anstrengungen unternehmen, um die Integrität der Wahl sicherzustellen. Dieses Versprechen hat Facebook seitdem in zahlreichen Blogeinträgen und Hintergrundgesprächen wiederholt. Tatsächlich klingen die Maßnahmen gegen Fehlinformationen (FB-Newsroom) von Facebook, Instagram und WhatsApp gut und sinnvoll. Doch entscheidend sind nicht nur die Ankündigungen, sondern die Umsetzung.

Die BILD-Zeitung macht jetzt auch Fernsehen

Die letzte Augustwoche dürften viele Medienjournalistïnnen damit verbracht haben, sich eine Meinung über „Deutschlands News-Sender“ zu bilden. So nennt die BILD-Zeitung ihr neues Angebot, das den Boulevard auf den Fernseher bringen soll. Wer regelmäßig das BILDblog liest, dürfte eher Sorge als Vorfreude empfunden haben. Dessen Herausgeber Mats Schönauer und Moritz Tschermack beschrieben kürzlich in ihrem Buch „Ohne Rücksicht auf Verluste – Wie BILD mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet„, was bislang dabei herauskam, wenn Deutschlands größte Tageszeitung BewegtBILD machte.

Und wie war es? Nach einer Woche haben mehrere Medien Bilanz gezogen, die sich so zusammenfassen lässt: weniger schreihalsig als befürchtet, manchmal professionell, manchmal peinlich, insgesamt aber sehr markentreu.

„Gefühle und Politik in Großbuchstaben“ nennt es die taz, und Harald Staun fasst seine Eindrücke in der FAZ schön zusammen: „Zu großen Teilen wirkt ‚BILD Live‘ wie eine Dauerwerbesendung für BILD, wobei es schwer zu sagen ist, was schwerer zu ertragen ist: die Dauerhaftigkeit oder der Werbungscharakter. Ständig bescheinigen sich die BILD-Leute gegenseitig ihre Klasse oder behaupten, wegen der gewöhnlichsten Geschichten ihrer Kollegen und Kolleginnen Gänsehaut zu bekommen. (…) Reichelt, Ronzheimer, der „Meinungschef“ Filipp Piatov, Programmchef Strunz sind unglaublich fleißig dabei, sich aufzuregen, berühren zu lassen oder in ihrer Wut auf die Regierung einig zu sein.“

iPhone: „Designed in California, Assembled in China, Purchased by You, Owned by Us.“

Das Zitat aus der Überschrift stammt von Edward Snowden, der sich in seinem Newsletter mit der wohl kontroversesten Funktion beschäftigt, die Apple jemals einführen wollte. Snowden hat dazu eine klare Meinung: Er glaubt, dass Apples Vorschlag „den Anbruch einer dunklen Zukunft markiert, die mit dem Blut der politischen Opposition in hundert Ländern geschrieben sein wird, die das System gnadenlos ausnutzen.“

Mitten im Sommerloch kündigte Apple neue Maßnahmen an, die Kinder schützen sollen. Auf der Seite „Expanded Protections for Children“ und den hastig hinterhergeschobenen FAQs (PDF) beschreibt das Unternehmen, wie es die Verbreitung von Fotos eindämmen will, die nackte Kinder oder Darstellungen von Missbrauch zeigen.

Alle können sich darauf einigen, dass das ein ehrenwertes und wichtiges Anliegen ist. Doch nicht immer heiligt der Zweck die Mittel. Das jedenfalls sagen Kryptografen, Aktivistinnen und Bürgerrechtsorganisationen, bei denen die Ankündigung Schockwellen auslöste. Sie fürchten, dass Apple möglicher Massenüberwachung die Tür geöffnet hat. Journalistenverbände sehen die Pressefreiheit in Gefahr, mehr als 27.000 Menschen haben eine Petition der Electronic Frontier Foundation (EFF) unterschrieben. Auch Apples eigene Angestellte sollen den Plan intern kritisiert haben.

Was steckt dahinter? Apple will alle Fotos, die Menschen auf ihren iPhones und iPads speichern, mit einer Datenbank abgleichen, in der Millionen Aufnahmen von Kindesmissbrauch hinterlegt sind. Fast alle großen Tech-Konzerne durchsuchen ihre Plattformen und Messenger seit vielen Jahren auf diese Weise. Apple überschritt mit seinem Plan jedoch eine Grenze, die das Unternehmen einst selbst zog: „Was auf deinem iPhone passiert, bleibt auf deinem iPhone“, war 2019 auf einem riesigen Plakat in Las Vegas zu lesen. Gescannt werden sollte aber nicht in der iCloud, sondern lokal auf dem Gerät.

Niemand kann etwas dagegen haben, dass solche Fotos und Videos entdeckt und die Täter bestraft werden. Das Problem ist ein anderes: Bislang will Apple nur auf Darstellungen von Kindesmissbrauch scannen. Doch Sicherheitspolitiker könnten bald darauf dringen, auch nach Terror-Inhalten zu stöbern, für die es ähnliche Datenbanken gibt. Und was geschieht, wenn China mit einem Verkaufsstopp für iPhones droht, sollte sich Apple weigern, Kritik an der Regierung auszufiltern? Es wäre nicht das erste Mal, dass Tim Cook Prinzipien über Bord wirft, wenn der Zugang zu einem der wichtigsten Märkte auf dem Spiel steht.

Der heftige Widerstand scheint auch Apple beeindruckt zu haben: Knapp einen Monat nach dem ersten Blogeintrag verkündete der Konzern, die Pläne um mehrere Monate zu verschieben. Auf Grundlage des Feedbacks von Kundinnen, Forschern und Interessengruppen werde man sich mehr Zeit nehmen, um Input zu sammeln und Verbesserungen vorzunehmen.

„Feedback“ und „Input“ sind sehr freundliche Ausdrücke für die Reaktionen, die Apple auslöste, doch in dem Fall ist der Inhalt wichtiger als das Wording. Auch die EFF lobt die Entscheidung – sagt aber auch, dass es nicht dabei bleiben dürfe: „Das Unternehmen muss übers bloße Zuhören hinausgehen und seine Pläne komplett aufgeben, eine Hintertür in die Verschlüsselung einzubauen.“

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