08.02.2021

Journalismus&Netz | Januar Edition: In da Club

Hallo zusammen! An dieser Stelle übernehmen Simon Hurtz und Alex Sängerlaub die Kolumne von Bernd Oswald und streifen für Euch durch das Netz auf der Suche nach den wichtigsten Erkenntnissen des Monats.

Das Thema des Monats: Clubhouse

Neues Jahr, neue Hypes: Erst ächzten die Signal-Server, weil sich Millionen Menschen registrierten, die vor WhatsApps neuen Nutzungsbedingungen flüchten wollten. Die Panik, die das Pop-up auslöste, war übertrieben – aber die Konsequenzen waren real.

Dann sprach plötzlich die ganze Welt über Clubhouse. Okay, halb Deutschland. Wobei: Wohl eher die halbe deutsche Medienwelt. Denn mehr als drei Viertel der Befragten haben noch nie von der App gehört, allen Datenschutzskandälchen, Sicherheitslücken, Candy-Crush-Possen und Berliner Clan-Talks zum Trotz.

Doch Blase hin oder her, ein Monatsrückblick "Journalismus & Netz" kommt im Januar nicht ohne Clubhouse aus. Die App ist bereits jetzt ein Einhorn und hat das Potenzial, digitale Kommunikation langfristig zu verändern oder zumindest zu erweitern. Social Audio könnte eines der großen Themen 2021 werden. Facebook und Twitter experimentieren mit eigenen Apps und Audio-Tweets. Dutzende Unternehmen investieren gerade in diesem Bereich. Twitter testet mit Spaces bereits einen relativ schamlosen Clubhouse-Klon, der aber einen großen Vorteil hat: den Social Graph von Twitter. Und wer sich anschaut, was Facebook mit anderen erfolgreichen Formaten wie Snapchats Stories gemacht hat, wird wohl einige der begehrten Clubhouse-Einladungen darauf wetten, dass Facebook und Instagram schon daran arbeiten, die App zu kopieren.

Neben dem fragwürdigen Datenschutz hat Clubhouse eine ganze Reihe an Problemen. Die Entwicklung einer Android-App hat gerade erst begonnen; bis dahin bleibt die durch das Invite-System ohnehin künstlich verknappte Clubhouse-Welt Menschen vorbehalten, die sich ein iPhone leisten können. Zur Exklusivität kommt mangelnde Diversität. Der typische Nutzer ist ein weißer, mittelalter Mann aus Berlin-Mitte, der sich entweder in der Start-up-Szene herumtreibt oder irgendwas mit Medien macht – der Erkenntnisgewinn der Gespräche hält sich meist in Grenzen.

Der größte Investor pflegt einen befremdlichen Umgang mit Journalistïnnen und sperrt Medien aus. Clubhouse repliziert reale Machtstrukturen und hat es monatelang versäumt, Richtlinien für den Umgang mit Hass und Rassismus aufzustellen. Mittlerweile gibt es Community-Standards, doch Tonalität und Inhalte bleiben teils toxisch.

Content-Moderation betrifft nicht nur soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, sondern neben Clubhouse alle Plattformen, auf denen Menschen Inhalte teilen – also auch Plattformen wie Spotify und Substack. Und damit zur letzten großen Herausforderung, die das Social-Audio-Start-up Clubhouse und die Newsletter-Plattform Substack verbinden: Beide werden in den kommenden Jahren gemeinsam mit Facebook, Instagram, YouTube, Snapchat, Twitter, TikTok, Twitch und anderen Milliardenkonzernen um die kreativsten "Creators" konkurrieren, wie die Unternehmen sie nennen.

All diese Plattformen leben von den Inhalten, die Nutzerïnnen erstellen. Deshalb zeichnet sich ein erbitterter Kampf um die größten Talente ab. Mit Exklusiv-Deals, Trinkgeld-Funktionen, Abo-Modellen und anderen Möglichkeiten der Monetarisierung sollen die Kreativen gebunden werden. Auch deshalb hat Twitter den Newsletter-Dienst Revue gekauft, soll Facebook ebenfalls in das Thema Newsletter investieren, schüttet Snapchat täglich eine Million Dollar aus und will Clubhouse bereits jetzt Modelle einführen, wie seine besten Moderatorïnnen Geld verdienen können.

Social Listening

"Eine kluge Frau hat mir auf @clubhouse_de gerade schlüssig den eigentlichen Fauxpas meiner Clubhaus Plauderei dargelegt und es hat mich überzeugt. Den Namen der Bundeskanzlerin zu verniedlichen war ein Akt männlicher Ignoranz. Dafür meine ehrliche Bitte um Entschuldigung." – Tweet von Bodo Ramelow am 24.01.2021.

Das größte Clubhouse-Ei hat sich sicherlich der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow gelegt, der frei von der Leber erzählte, dass er während der Bund-Länder-Treffen zu Corona gerne mal zwischendrin Candy Crush spiele. Obendrauf kam noch, dass er die Kanzlerin im gleichen Gespräch "Merkelchen" nannte und fertig ist der perfekte Shitstorm. Immerhin: die passende Einsicht Ramelows, und so schließt sich der Kreis, erlangte er auch wieder bei Clubhouse.

Medienpolitik

EU-Kommission: Kommen strengere Regeln für digitale Dienste?

Die Europäische Kommission werkelt dieser Tage an den Feinheiten des "Digital Services Act", die unter anderem den großen Social-Media-Plattformen bessere und verbindliche Richtlinien auferlegt. Damit wird dann auch die nun mittlerweile fast schon altertümlich anmutende "Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr" aus der Prä-Facebook-Ära, dem Jahr 2000, abgelöst. Was alles regulatorisch auf der Strecke geblieben ist, ahnt, wer sich den Diskussionen um die Löschung von Donald Trumps Accounts auf Twitter und Facebook nach der Capitol-Stürmung widmete: Wer ist zuständig zu entscheiden, wer und was wann gelöscht wird? Die Plattformen? Die Politik? Felix Karrte hat für den Tagesspiegel aufgeschrieben, was der DSA eben schafft, nämlich Desinformationen und Hetze das Geschäftsmodell zu entziehen.

Urheberrecht around the world: Google droht Suchmaschine in Australien abzuschalten

Streit um die Rechte an Inhalten im Netz gibt es nicht nur bei uns: Auch am anderen Ende der Welt wird erbittert ums Urheberrecht gerungen. Nun droht Google der australischen Regulierung damit, seine Suchmaschine ganz vom Netz zu nehmen, sollte das Gesetz so kommen, wie es vorgesehen ist. Googles Drohung erscheint nicht unberechtigt, sieht das Gesetz doch vor, schon beim Verbreiten von Links (ganz ohne Artikelvorschau) Gebühren an die Verlage zahlen zu müssen. Auch am hiesigen Entwurf der Bundesregierung zur Umsetzung der 2019 von der EU-Kommission beschlossenen Urheberrechtsrichtlinie, die nun in nationales Gesetz gegossen werden muss, hagelt es Kritik von allen Seiten.

Must read

Audrey Tang über den richtigen Umgang mit Corona

"Wir handeln nach drei Prinzipien: fast, fair and fun – schnell, fair und unterhaltsam", sagt die taiwanesische Digitalministerin Audrey Tang auf die Frage hin, was die taiwanesische Coronastrategie ausmache, im Interview mit The New Institute (abgedruckt von der Augsburger Allgemeine). Und bei "fun" hat Taiwan ordentlich was in petto, denn Corona-Desinformationen werden von der Regierung von einem kleinen roten, humorigen Hund (Shiba Inu) abgeräumt, der Fakten und Regeln im Umgang mit dem Virus für Soziale Netzwerke erklärt. Der wird auch gleich viel öfter geklickt und geteilt als jeder Verschwörungsmythos, sagt Tang. Was es bedeutet, eine durch und durch digitale Visionärin im Amt einer "Digitalministerin" zu haben, belegt das Interview: Open Source als Gemeinwohl, Breitband als Menschenrecht, Demokratie als Technologie – Gedanken, die man von Dorothee Bär auch gerne mal gehört hätte.

Lügen haben Trump'sche Beine

Bislang haben nur wenige Medien aufgearbeitet, was sie selbst bei der Berichterstattung über Trump falsch gemacht haben. Dafür hat die Washington Post penibel die Lügen des US-Präsidenten mitgezählt. Das Ergebnis: 30.753 Lügen in vier Amtsjahren, davon knapp die Hälfte allein in 2020. Wie viel das penible Auflisten gebracht hat? Schwer zu sagen. Vielleicht lässt sich das Fazit gut in einen Satz des ZEIT-Autoren Tobias Haferkorn gießen: "Eine Kultur, die sich vor allem auf die Entlarvung des Falschen konzentriert, bringt deshalb nicht schon etwas Richtiges hervor."

Mediatheken-Empfehlung des Monats

Years & Years: Schöne neue Welt?

Die britisch-amerikanische BBC-HBO-Produktion, mit Emma Thompson in der Rolle der populistischen Politikerin Vivi Rook, ist noch bis Mitte März in der ZDF Mediathek zu sehen. Die dystopische Kurzserie, die eine britische Familie in den Jahren 2019-2034 begleitet, erhält allerlei genial gemachte, viel zu reale politische Dystopien. Ob Transhumanität, Überwachungskapitalismus, Populismus & Medien oder die Flüchtlingskrise, schafft es die sehr dichte Serie viele Themen unserer Zeit mit Spannung herunterzubrechen auf den Alltag der Familie Lyons aus Manchester.


05.01.2021

Journalismus&Netz im Dezember: Warum der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks modernisiert werden ...

Die (vorerst) geplatzte Erhöhung des Rundfunkbeitrags bewegte die Medienwelt – nicht nur im Dezember. Die Diskussion, wie sich der Auftrag und daraus folgend die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Runkfunks ändern sollen,…

07.12.2020

Journalismus&Netz im November: Für welchen Journalismus zahlt das Publikum?

Im November ging es sehr viel um die Finanzierung von (Innovationen im) Journalismus. Vor allem die staatliche Presseförderung erntet viel Kritik. Dazu die Frage: Für welchen Journalismus zahlt das (junge)…

03.11.2020

Journalismus&Netz im Oktober: Google umgarnt die Medien, staatliche Presseförderung, Instagram überholt ...

Diese Ausgabe stellt Googles Aktivitäten, auf unterschiedlichen Wegen die Medien zum Freund zu gewinnen in den Fokus. Außerdem geht es um die staatliche Presseförderung in Deutschland und die wichtigsten Erkenntnisse…

05.10.2020

Journalismus&Netz im September: Digital-Abo-Rekorde, Presserat rügt Clickbaiting, neue Features beim Datawrapper

Die Zeit und die Süddeutsche Zeitung freuen sich über Rekordzahlen bei den Digitalabos, der Presserat rügt Clickbaiting-Überschriften bei „Der Westen“ und für die Gestaltung von Karten beim Datawrapper gibt es…

01.09.2020

Journalismus&Netz im August: Facebook News expandiert, lohnender Cookie-Verzicht, Käufer für Buzzfeed ...

Was es bedeutet, wenn Facebook News auch nach Deutschland kommt, warum der niederländische Rundfunk ohne Cookies höhere Anzeigeneinnahmen hat und wer Buzzfeed Deutschland übernimmt.

05.08.2020

Journalismus&Netz im Juli: Tipps für Innovation, die Werte der SZ, Recherche ...

Was es bei innovativen Projekten zu beachten gilt, warum der Wertekompass der SZ für Diskussionen sorgt und wie man auf TikTok recherchiert.

07.07.2020

Journalismus&Netz im Juni: Google zahlt Verlage, junge Marken in der Krise, ...

Was es mit Googles neuer Zahlungsbereitschaft auf sich hat, was die Coronakrise für die Jugendangebote von Verlagen bedeutet und worüber sich Rezo mit der deutschen Zeitungslandschaft streitet.

06.06.2020

Journalismus&Netz im Mai: Trump contra Twitter, Nannen-Preis für Rezo, Media Pioneer ...

Der US-Präsident regt sich über Faktenchecks seiner Aussagen auf, ein Nannen-Preis für YouTuber Rezo entfacht Diskussionen, ob das Journalismus ist und Gabor Steingarts Startup Media Pioneer singt ein Loblied auf…

04.05.2020

Journalismus&Netz im April: Neues Verification Handbook, Corona-Podcasts, irreführende Überschriften

Nicht nur Facebook, Twitter und YouTube verstärken ihren Kampf gegen Corona-Fake-News, Medien sind gefragt wie selten zuvor, vor allem Podcasts boomen. Und „Der Westen“ arbeitet mit irreführenden Überschriften.

06.04.2020

Journalismus&Netz im März 2020: Corona-Sonderausgabe

Fake-News-Welle, Hochzeit für den Datenjournalismus, hohe Einschaltquoten für Medien: Nur drei Beispiele, wie das Coronavirus auch die Medienlandschaft dominiert hat.

07.03.2020

Journalismus&Netz im Februar: Assange vor Gericht, Leistungsschutzrecht reloaded, Journalismus auf TikTok

Im Februar sorgte der Prozess gegen Julian Assange für Aufsehen, die Verleger wollen maximal drei Wörter lizenzfrei zulassen, das Netzwerk Medienethik traf sich zur Jahrestagung und ein Erfahrungsbericht zu Journalismus…

04.02.2020

Journalismus&Netz im Januar: Spiegel-Fusion, Hass gegen Journalisten, Reuters Trend Report

Im Januar gab es einige Relaunches, prominente Journalisten wehren sich gegen Hate Speech, die New York Times gewinnt eine Million Digital-Abonnenten und prominente Journalisten geben ihre Zukunftsprognosen ab.

07.01.2020

Journalismus&Netz im Dezember: Medienstaatsvertrag, Oma die Umweltsau, Narrative der Desinformation

Warum es höchste Zeit für einen Medienstaatsvertrag wird, warum der WDR bei der Reaktion auf das „Oma, die alte Umweltsau“-Video keine gute Figur abgab und welche Mechanismen hinter vier prominenten…

06.12.2019

Journalismus&Netz im November: Zensur-Vorwürfe gegen TikTok, Facebook-Alternativen, KI im Journalismus

Was von den Zensur-Vorwürfen gegen TikTok zu halten ist, warum auch die Grünen eine europäische Facebook-Alternative fordern und wie die Zukunft der Künstlichen Intelligenz im Journalismus aussehen könnte: Das und…